Volk meets Fuhrer (III)

27. Juli 2008

Warum Barack Obama bei seiner legendären Rede am Donnerstag in Berlin immer nach links oder rechts guckte, aber fast nie geradeaus, das wissen wir. Links und rechts vom Rednerpult standen die Teleprompter.

Inzwischen wissen wir aber auch, warum er trotz des immensen Jubels, der ihm aus dem Publikum entgegenschlug, so wenig relaxed wirkte und sein Lächeln so verkrampft: die fähnchenschwingende, jubelnde Masse, der er da gegenüber stand - das waren Republikaner.

Und deren Rechnung ist offenbar aufgegangen. Eine Suche nach “Obama Berlin” in Google Blog Search ergibt 24.790 Treffer für die ersten zwei Tage ab dem 24.07.08. Das ist eine gewaltige Zahl von Bloggern (selbst wenn man bedenkt, daß etwa 23.000 der Fundstellen natürlich nur der übliche Google-Schrott sind), und ein Großteil der Mitglieder dieser schmierenden Zunft meint: wer bei den Berlinern ankommt, der kann kein guter Amerikaner sein.

Tonight I speak to you [...] as a [...] proud citizen of the United States and a fellow citizen of the world,” so hatte Obama seine Berliner Rede begonnen. Wie kann man stolz sein, Bürger eines Landes zu sein, das so viele Kriege angefangen, so viele Verbrechen begangen und so viele Menschen weltweit ins Unglück gestürzt oder ermordet hat wie kein zweites seit dem zweiten Weltkrieg? Das ist die Frage, die man sich als halbwegs informierter und nicht emotional verkrüppelter Mensch bei einem solchen Satz zwangsläufig stellt. Auch unsere amerikanischen Freunde haben Probleme mit diesem Satz. Nur nicht mit seinem ersten Teil. Sie fragen sich, wie man es wagen kann, sich als “Weltbürger” zu bezeichnen, wenn man doch eine US-Wahl gewinnen will (Beispiel, Beispiel, Beispiel, Beispiel). Selbst die “Volk ohne Raum”-Nummer wird dabei abgezogen (bei 31 Einwohnern pro km2 gegenüber 230 in Deutschland).

Ein weiterer Punkt, der die Gemüter unserer amerikanischen Freunde erregte, war neben Obamas als unerhört und linksradikal empfundenem Lippenbekenntnis zu mehr Gerechtigkeit, Verantwortung und Rücksichtnahme auf der Welt die Tatsache, daß er dem größten amerikanischen Militärkrankenhaus außerhalb der USA keinen Besuch abstattete. (In Landstuhl werden die Opfer der amerikanischen Kriege so weit es geht wieder zusammengeflickt - nur die der eigenen Seite, versteht sich - und fit gemacht für den nächsten Überfall auf ein anderes Land.)

Und daß der Kommunist, Sozialist, Extremist, Marxist und Antichrist Obama auch noch einen Klimawandel erfindet, nur um sich bei den alten Europäern einzuschmeicheln, das werden die US-Amerikaner dem zukünftigen Präsidentschaftskandidaten nie verzeihen.

Ein Blick auf die US-amerikanische Volksseele, wie sie sich auch in den oben verlinkten Blogs widerspiegelt, ist natürlich fast immer auch ein Blick in einen Abgrund, der einen erschaudern läßt. In Bezug auf Barack Obamas Rede in Berlin hat er allerdings noch einen weiteren Effekt: es erscheint plötzlich bewundernswert und ziemlich mutig von dem Bewerber um die Präsidentschaft, einen für uns so einfachen und selbstverständlichen Satz gesagt zu haben wie: “mein Land hat Fehler gemacht“. Und manches, was uns an seinem Auftritt vorher hölzern und banal vorkam, erscheint uns plötzlich hochintelligent.

Volk meets Fuhrer (II)

25. Juli 2008

Es kommt sehr selten vor, dass auf einem wissenschaftlichen Kongress der gleiche Vortrag zweimal gehalten wird. Auf dem Weltkongress der Psychologie, der diese Woche in Berlin stattfindet, war das gestern der Fall: Philip Zimbardo, ein US-amerikanischer Sozialpsychologe, redete noch einmal in dem Saal, der tags zuvor wegen Überfüllung geschlossen worden war. Insgesamt waren es um die zweitausend Psychologen, die Zimbardo zuhörten, und viele von ihnen standen nach dem Vortrag auf, um ihm zu applaudieren - der 75-Jährige war der unbestrittene Star des Berliner Kongresses.” (Berliner Zeitung vom 25.07.08)

Der Mann, der hier die Standing Ovations seiner Wissenschaftlerkollegen entgegennahm, war 1971 durch das “Stanford Prison Experiment” berühmt geworden. Er teilte damals seine Studenten ein in Wärter und Gefangene und ließ sie im Keller der Universität “Gefängnis” spielen. Dann schaute er ihnen dabei zu und filmte sie, wie sie anfingen, sich gegenseitig zu quälen und zu foltern.

Er selbst spielte den Gefängnisdirektor und bekennt heute freimütig, dabei “emotional abgestumpft” zu sein.

Erst durch die Intervention einer Außenstehenden wurde das “Experiment” schließlich in letzter Minute gestoppt.

Wie nennt man solcherlei Forschung am lebenden Menschen? Gelebten Sadismus à la Mengele? - Vielleicht. Aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die dabei gewonnen wurden, rechtfertigen doch wohl das Vorgehen. Zimbardo ist schließlich, wie George W. Bush, Spezialist für die “Psychologie des Bösen” und den “Luzifer-Effekt“.

Und wie lauten seine Erkenntnisse? - “Es gibt nicht die gute oder die böse Person - jeder von uns trägt beide Eigenschaften in sich.

NEEIN! WIRKLICH?

Volk meets Fuhrer (I)

25. Juli 2008

Anmoderation:
200.000 begeisterte Menschen haben sich hier an der Siegessäule eingefunden, um Barack Obama zuzujubeln. Der Menschenauflauf, der sich bis zum Brandenburger Tor erstreckt, übertrifft alles, was Amerikaner aus Wahlkampfauftritten in ihrer Heimat kennen. Doch still, in diesem Moment tritt Barack Obama ans Rednerpult.

Volk:
YEEAAH!

Obama:
Thank YOU!

Volk:
YEEAAH!

Obama:
Thank YOU!

Volk:
YEEAAH!

Obama:
Thank YOU!

Volk:
YEEAAH!

Obama:
Thank YOU!

Volk:
YEEAAH!

Obama:
Ich spreche zu Euch als stolzer Bürger der USA.

Volk:
YEEAAH!

Obama:
Paßt mal auf, ich zeig Euch mal was. Ich kann nämlich mein Lächeln an- und ausknipsen.

So…

und so…

So…

und so…

Na, wie findet Ihr das?

Volk:
YEEAAH!

Obama:
Ihr habt eine schwere Geschichte gehabt. Wußtet Ihr das?

Volk:
Neeeee.

Obama:
Wir haben Euch die Freiheit geschenkt und Euch Candy hinterhergeschmissen, als der Schatten des Kommunismus Euch zu verschlingen drohte.

Volk:
YEEAAH!

Obama:
Nun übernehmt Verantwortung im Kampf gegen die Afghanen, die Euch statt Candy Heroin nach Berlin geschickt haben.
Ihr wißt doch, wie man Mauern einreißt. Nun reißt die Mauern ein, hinter denen sich die Kinder-, Frauen- und Alte-Leute-Terroristen im Irak, in Afghanistan und anderswo feige versteckt halten.
Wir können schließlich nicht die Scheiße, die wir der Welt eingebrockt haben, auch noch alleine auslöffeln.

Volk:
YEEAAH!

Obama:
Wollt Ihr also den totalen Krieg?

Volk:
YEEEEEEEAAAAAAAH!!!!!!!!!!!

 
Siehe auch:
Obamania oder das Spiel mit der Hoffnung
YES, WE CAN!

Nightmare Screen

19. Juli 2008

Früher fuhren die Bauern auf ihren Treckern bis in die Neusser Innenstadt. Da brauchte niemand seinen Kappes im Laden zu kaufen. Man brauchte nur auf die Straße zu gehen und das aufzusammeln, was auf der Fahrt in die Sauerkrautfabrik von den schwer beladenen Anhängern heruntergefallen war.

Die Sauerkrautfabrik in der Kapitelstraße gibt es schon lange nicht mehr. Heute kommt unser Sauerkraut wahrscheinlich aus Rumänien oder China.

Trotzdem lebt die Stadt Neuss zumindest teilweise immer noch vom Kappes. Viele Rheinländer sind ja bekanntlich auch außerhalb der Karnevalszeit kleine oder große Büttenredner, und in Neuss sitzt eines der Unternehmen, die diese Fähigkeit vermarkten und den Kappes in seiner zweiten Bedeutung (Unsinn, Quatsch, dummes Gerede) zum Produkt erkoren haben: die Ströer MEGAPOSTER GmbH.

Ströer ist der “größte Außenwerber in Deutschland“, und wenn uns auf der Straße schlecht wird, weil wieder jemand kübelweise seinen geistigen Dünnschiß in Form von Werbung über uns ausschüttet, dann stehen die Chancen nicht schlecht, daß dieses Unternehmen dabei seine Finger im Spiel hat.

Wer die Entwicklung der Werbung in den letzten Jahren verfolgt hat (und das haben wir wohl zwangsläufig alle), der wird festgestellt haben, daß Werbung im öffentlichen Raum nicht nur immer größer, dominanter und durch entsprechende Energieverschwendung leuchtender wird, sondern auch immer bewegter. Waren es früher Standbilder, an denen wir krampfhaft vorbeizugucken uns bemühten, so zeigen heutige Reklametafeln oft eine Abfolge unterschiedlicher Motive wie in einem Film.

Diese Art von Werbung ist besonders perfide. Sie benutzt den angeborenen Reflex des Menschen, immer dahin zu schauen, wo sich etwas bewegt. Dieser Reflex war in früheren Zeiten überlebensnotwendig und ist es noch heute. Er bewahrt uns vor der Gefahr, überfahren zu werden oder von Nachbars Rottweiler verspeist zu werden. Zappelwerbung pervertiert diesen Reflex, indem sie uns ablenkt von der Gefahr. Unter Ausnutzung des angeborenen Zwangs, auf Bewegung zu achten, erzwingt sie unsere Aufmerksamkeit und raubt uns so unseren freien Willen. Wir werden vergewaltigt.

Gerade im Segment der Zappelwerbung bereitet die Ströer MEGAPOSTER GmbH derzeit den ganz großen Coup vor - einen Quantensprung hinein in den mit Scheiße prall gefüllten Werbetopf, sozusagen. Der Spezialist für die “Große Geste” (sic!) Denkmalverhüllung plant nämlich die Verhüllung des Denkmals “Schöneberger Gasometer” mit der größten Leuchtreklametafel Europas, in der Sprache der coolen InsiderNightscreen” genannt. “Ab 1.470 Euro Brutto kann eine KW mit einem 10-Sekünder bei Wiederholungen im Abstand von 2 Minuten gebucht werden,” lautet das verlockende Angebot. Versprochen wird “pro Nacht ein Kontaktwert von 165.000 Bruttokontakten.” “Bruttokontakte“, so nennt man in der Sprache der menschenverachtenden Werbefuzzis offenbar die Opfer dieser gigantischen Belästigung.

Ermöglicht wird der Coup durch die gewählten Vertreter dieses bemitleidenswerten Volkes. Die trafen sich am Mittwoch auf der Vollversammlung der Bezirksverordneten des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, auf der Ralf Kühne von der Partei Die Grünen die Frage stellte, auf welcher Rechtsgrundlage die Verschandelung genehmigt worden sei. Die Antwort des zuständigen Bezirksstadtrats Bernd Krömer (CDU) lautete, es bestehe ein öffentliches Interesse an der Belästigung. Auch der brillante Rhetoriker und messerscharfe Analytiker Andreas Baldow (SPD) - Motto: “Links führt der Weg in die Freiheit” der Investoren - meldete sich zu Wort. Er erzählte etwas von einer Karikatur, die eine Maus mit einem Schild “Ich bin gegen alles” zeige, und bekannte im übrigen freimütig, von Kühnes Ausführungen nichts verstanden zu haben. Zuvor hatten sich sowohl Krömer als auch Baldow vorübergehend zu Beratungen mit dem früheren Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und jetzigen Mitarbeiter Reinhard Müllers Christian Kuhlo in die Investorenecke zurückgezogen.

Als die Öffentlichkeit angeekelt das Rathaus verließ, wurde neben dem Eingang gerade eine Gedenktafel angebracht, auf der zu lesen stand: “Hier löscht das Geld das Denken aus.” Der Himmel war schmutzig violett, mit einem leichten schwefelgelben Schimmer etwa in Gasometer-Richtung. Vom Rudolph-Wilde-Park her näherte sich eine kleine, dicke Ratte. In der Hand trug sie ein weißes Fähnchen mit der Aufschrift: “Nicht unterkriegen lassen!” Sie überquerte den grauen, regennassen John-F.-Kennedy-Platz und verschwand in einem Gully. Ihr folgten weitere Ratten, die ebenfalls weiße Fähnchen trugen, und wieder andere aus den umliegenden Büschen schlossen sich ihnen an. Immer breiter wurde so der Strom von Ratten, die alle demselben Gully zustrebten. Sie zwängten sich zwischen den Stäben des Deckels hindurch und fielen mit lautem Klatschen, die weißen Fähnchen hochhaltend, in die braune Brühe der Kanalisation. Bald war der ganze Platz erfüllt vom Quieken und Schreien der ertrinkenden Ratten.

Am ersten August nahmen Klaus Groth, Reinhard Müller und ihre einschlägigen Gehilfen den großen Nightscreen am Gasometer in Betrieb. Mit Hilfe des “Projekts Zukunft“, einem Filzwerk - äh, Netzwerk - der “Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen” des Senators Harald Wolf (Die Linke), und einer Vorgabe des Bezirks, 20 % der Inhalte müßten kultureller Natur sein, hatte man den Werbedreck durch Einsprengsel sogenannter “Kunst” geadelt. Den werbenden Unternehmen jedoch brachte der Coup kein Glück. Sie erhielten täglich tausende von Beschwerdebriefen, und ihre Umsätze brachen ein. Der Inhalt der Briefe lautete:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin ein großer Bewunderer Ihres Unternehmens und plane derzeit eine größere Investition, bei der die Berücksichtigung der von Ihnen angebotenen Produkte beabsichtigt ist.

Leider mußte ich nun feststellen, daß Ihr Unternehmen sich dazu hat überreden lasssen, auf dem von der Firma Ströer MEGAPOSTER GmbH am denkmalgeschützten Gasometer in Berlin-Schöneberg betriebenen “Schirm der Umnachteten” (auch “Nightscreen” genannt) Werbung zu schalten.

Ich wohne in der Nähe des besagten Schirms und fühle mich durch diese Werbung massiv belästigt.

Ich möchte Sie deshalb hiermit höflich bitten, die Belästigung schnellstmöglich einzustellen.

Sollten Sie sich dazu nicht in der Lage sehen, wäre ich leider gezwungen, von jeglichem zukünftigen Erwerb Ihrer Produkte Abstand zu nehmen. Auch könnte ich in meinem überaus großen Verwandten- und Bekanntenkreis die Angebote Ihres Hauses nicht mehr guten Gewissens empfehlen.

In der Hoffnung auf Ihre Einsicht verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen


Grünes Licht für Werbung am Gasometer

Von der Vergeblichkeit des Sich-den-Arsch-aufreißens

15. Juli 2008

Wozu?

In den 60er Jahren haben sich die Studenten für die Arbeiter den Arsch aufgerissen, mit dem Ergebnis, daß die gelernten Bildzeitungsleser beim Anblick eines Studenten nur “Rübe ab!” geschrien haben.

Sollte man einem Penner Geld geben, damit er einen im nächsten Moment beschimpft?

Sollte man einer sogenannten gemeinnützigen Einrichtung Geld geben, damit sie einen Laden anmietet und als erstes ein wertvolles Wandgemälde darin aus Dummheit überpinselt?

Sollte man sich den Arsch aufreißen, um für andere einen lebenswerteren Lebensraum zu erkämpfen, wenn die anderen sich doch viel wohler in der Scheiße fühlen, die sie von Geburt an kennen?

Sollte man jemandem die Augen öffnen, der gerne blind ist?

Wozu?

Alles normal?

8. Juli 2008

Fotografen kennen das Phänomen: je näher man ein entferntes Objekt heran zoomt, um so größer, aber auch unschärfer erscheint es. So geht es mir momentan mit dem Schöneberger Gasometer.

Im April 2007 meldete die Berliner Zeitung, das Industriedenkmal sei an einen privaten Investor verkauft worden. Lars Oberg von der SPD enthüllte wenig später die Identität des Käufers und berichtete über dessen Pläne.

Bei den Anwohnern machte sich Entsetzen breit. Die “Bürgerinitiative Gasometer” wurde gegründet.

Nun hat Alexander Ziemann, einer der Vertreter dieser BI, durch einen beherzten Blick ins Grundbuch festgestellt (oder feststellen lassen), daß Reinhard Müller zumindest das Kernstück des Geländes, den Teil, auf dem der Gasometer steht, gar nicht gekauft hat. Nicht einmal eine Auflassungsvormerkung besteht. Das Gelände gehört nach wie vor der GASAG.

Man muß wohl Grundstücksverschiebungs-Professional sein, um es normal zu finden, wie hier über ein Jahr lang die Öffentlichkeit von Eigentümer, Investor, Politik und/oder Medien in die Irre geführt wurde.

Im Februar 2008 legte das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg den Entwurf eines Bebauungsplans vor, der bis ins Detail die Wünsche des angeblichen Käufers widerspiegelt. Auch in diesem Plan heißt es, ein “Projektentwickler” habe das Gelände “teilweise im Februar 2007 erworben.” 218 Anwohner erhoben Einspruch gegen den Bebauungsplan. So viele Einsprüche kann die Behörde natürlich unmöglich bearbeiten. Sie beauftragte deshalb ein privates Planungsbüro mit der Auswertung. Bezahlt wurde diese vom “Projektentwickler” (Alexander Ziemann: “Das ist so üblich und wird mittlerweile fast ausnahmslos so gemacht.“). Ich schlage vor, daß der Investor auch noch das Einwohnermelderegister übernimmt, dann könnte man das Bezirksamt nämlich ganz schließen.

Nichts desto trotz kann diese personell am Boden liegende Verwaltung, wenn es darauf ankommt, aber auch Berge versetzen, zum Beispiel in Form von zuständigen Mitarbeiterinnen.

Die “Abwägung” der Einsprüche durch das von Projektentwickler Reinhard Müller bezahlte Planungsbüro ist entsprechend. Die meisten werden abgeschmettert, einige als “Anregung” aufgenommen oder gar “an den Projektentwickler weitergereicht“. Hin und wieder wird der Projektentwickler auch “aufgefordert“, weitere Untersuchungen und Messungen “zu veranlassen“, also die Daten zu produzieren, die einer Genehmigung seiner Pläne förderlich sind, etwa wenn es darum geht, den Abriß des denkmalgeschützten “Hauses 11” mit einer notwendigen “Sanierung der Bodenbelastungen” zu begründen. Und manchmal sind die Gegenargumente der “Abwägungsbeauftragten” einfach nur drollig, etwa wenn die zu erwartende Rundumüberwachung der Anwohner mit Kameras als begrüßenswerte Maßnahme zur Eindämmung der Kriminalität verkauft wird oder wenn die Planer sich blauäugig zu dem Glauben bekennen, durch einen “freiraumplanerischen Wettbewerb unter Landschaftsarchitekten” könne die “hochwertige Gestaltung der Außenanlagen gewährleistet werden“. Daß auch in diesem Dokument behauptet wird, “der private Investor” habe “das Gelände von der GASAG erworben“, sei hier nur nebenbei erwähnt.

Interessante Einwände kamen von einigen der zum Bebauungsplanentwurf befragten Behörden.

Das Landesdenkmalamt z. B. schreibt:

Die Planungsabsicht stößt nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten auf grundsätzliche Ablehnung.

Sowohl gegenüber den Denkmalen der Gasversorgung als auch gegenüber den umliegenden Altbauquartieren stellt der geplante Maßstabssprung eine unerträgliche Beeinträchtigung für die historische Stadttopografie dar.

Überdimensionierte Bauvorhaben, die die Baudenkmale “verzwergen”, stoßen nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten auf grundsätzliche Ablehnung, weil hierdurch ihre Wahrnehmung verstellt und zerstört wird.

Der Verlust von Denkmalsubstanz ist nicht hinnehmbar.

Nach dem Bebauungsplanentwurf sollen Baugruben für den Neubau von Tiefgaragen direkt bis vor die Außenwände der Baudenkmale ausgehoben werden. Die Beschädigung der Denkmalsubstanz durch Senkungen ist damit vorprogrammiert.

Besonders bemerkenswert und deutlich ist die Feststellung:

Übergeordnete Interessen, die eine Zurückstellung konservatorischer Interessen erforderlich machen könnten, sind nicht erkennbar. Die Verwertungsinteressen des potenziellen Investors an einer höchstmöglichen Ausnutzung des Grundstücks sind kein öffentliches Interesse, das gegenüber dem Interesse der Allgemeinheit an der Denkmalerhaltung Vorrang verlangt.

Die Antwort der “Auswertungsbeauftragten”: man nehme die Bedenken zur Kenntnis und suche die Abstimmung in bilateralen Gesprächen (= Kuhhandel).

Ähnlich lautet die Antwort auch auf einen anderen interessanten Einwand, diesmal von der “Wehrbereichsverwaltung Ost“:

Das Planungsgebiet liegt in einer Entfernung von weniger als 3 km zur Luftverteidigungsanlage Tempelhof.

In den Bereichen der Gebäude, die in der Radarsicht (oberhalb von ca. 50 m über Grund) sind, ist eine nicht unerhebliche Belastung sich dort aufhaltender Personen zu erwarten, da die Radaranlage den HF-Impuls mit 25 kW abstrahlt.

Daß sich die Bewohner Schönebergs so massiv in der Schußlinie der Verteidiger des Landes befinden, war mir bis dato nicht bekannt. Es könnte erklären, wieso es im Bereich des Flughafens Tempelhof so viele Brummtongeschädigte gibt. (Ja, ich weiß, die Radarstrahlung ist unterhalb der genannten 50 m völlig unschädlich, schon allein, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.)

Zum weiter oben genannten Aspekt des Denkmalschutzes sollte vielleicht noch erwähnt werden, daß die beim Bezirk angesiedelte und dem Initiator des Bebauungsplans, Baustadtrat Bernd Krömer (CDU), zugeordnete “Untere Denkmalschutzbehörde“, mit deren Mitarbeiterinnen Krömer zum Teil sogar verheiratet ist, den Bebauungsplanentwurf ganz anders einschätzt als das Landesdenkmalamt. Sie kriegt sich vor lauter Loben, Begrüßen und positiv Beurteilen gar nicht mehr ein. Selbst das Verfüllen des Gasometers mit einem Neubau wird von ihr “unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten für möglich gehalten, wenn der geplante Baukörper das Erscheinungsbild des ursprünglich vorhandenen Druckausgleichsbehälters aufnimmt und zeitgemäß interpretiert.” Die zeitgemäße Interpretation eines Druckausgleichsbehälters ist natürlich ein Bürohochhaus.

Unterdessen vermarktet Reinhard Müller bereits die Immobilie, die ihm doch anscheinend noch gar nicht gehört. In einem der alten Backsteingebäude hat er einen “Showroom” eingerichtet, er sucht Mieter für sein (vermeintliches?) Eigentum und versaut den Gasometer, der ihm nicht gehört, mit Werbung, das heißt: aus dem Industriedenkmal macht er ein Gerüst für die Befestigung elektronischer Großplakate. Grundlage dafür soll ein recht merkwürdiger Vertrag mit dem Bezirksstadtrat Bernd Krömer sein, der Werbung für die Dauer von fünf Jahren vorsieht.

Für diejenigen, die immer noch nicht wissen, was die nachts penetrant blinkenden gelben Quadrate zu bedeuten haben: sie sind Werbung für die Werbefläche am Gasometer. Sie sollen potenziellen Interessenten signalisieren: hier könnte demnächst Ihre Werbung stehen!

Etwas glücklos operiert Projektentwickler Müller offenbar derzeit in anderen Bezirken. Beim Stadtbad Oderberger Straße hat der Senat ihm gerade erst die Subventionen gestrichen, für die Neuen Spreespeicher fehlen ihm unerklärlicherweise die Mieter und Interessenten, und seine Umweltverschmutzung und Volksverdummung durch Großflächenwerbung wird selbst im Goldgräberbezirk Mitte immer weniger als Kavaliersdelikt angesehen.

Auf der Schöneberger Insel sattelt etwa ein halbes Dutzend Bewohner nun um auf Verwaltungsrechtler, um mitspielen zu können in einem Spiel, bei dem die anderen die Regeln bestimmen. Das bedeutet zunächst einmal, die Terminologie zu lernen und die Abläufe zu erkunden, um sich dann abwatschen lassen zu können, wenn dennoch ein Wort falsch verwendet oder eine rechtliche Situation falsch eingeschätzt wurde.

Der Bezirk beginnt unterdessen mit der Verwertung der nächsten Schöneberger Freifläche, der sogenannten “Linse“, und im Bereich der geplanten “Neuen Naumannstraße” sucht die Deutsche Bahn Käufer für ein drittes riesiges Areal, das sie durch Beseitigung jeglicher Vegetation (bis auf ein paar Bäume) und Vertreibung der Laubenpieper schon baureif geschossen hat. Die Erkenntnis, daß all diese Entwicklungen in Zusammenhang mit dem einen großen Ausverkauf unserer Stadt zu sehen sind, scheint bei der Mehrzahl der BI-Mitglieder noch nicht angekommen.

Aber auch wenn die Bürgerinitiative ihre Kräfte ganz auf den Gasometer konzentriert, wird die Totenkopfflagge der Anwohner auf dem Denkmal wohl so bald nicht wehen.

 
Weitere Infos:

Rede von Knut G. Jeckstadt bei der Veranstaltung vom 12. 6. 08 im Schöneberger Rathaus

Rede von Cornelia Köster zum Thema “Werbung”

Welcome to Berlin, Mr. Ex-President!

3. Juli 2008

Lichtkunst-Batzillus befällt Reichstag

2. Juli 2008

Den Wettbewerb zur dauerhaften Illuminierung des Parlamentsgebäudes hat überraschend (kleiner Scherz!) der international gefragte Hamburger “LichtkünstlerMichael Batz gewonnen. Batz dürfte den Lesern dieses Blogs kein Unbekannter sein, ebensowenig wie der Vorsitzende der “hochkarätig besetzten Fachjury“, der die Entscheidung zu verdanken ist, Volker Hassemer, der hier in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin in Erscheinung tritt, der Stiftung also, die diesen Wettbewerb zusammen mit der Sparkassen-Finanzgruppe und der Stiftung Lebendige Stadt initiiert hat.

Hochkarätig in der Jury saß auch der Vorstandsvorsitzende der letztgenannten Stiftung, Andreas Mattner, der zwar im wirklichen Leben Geschäftsführer des Immobilienkonzerns ECE ist, ganz sicher aber aufgrund seiner Beziehungen zu Vorstandsmitglied und Lichtkünstler Michael Batz als besonderer Experte auch in Sachen Lichtkunst gelten kann.

Bei Licht betrachtet haben die hochkarätig vorstandsvorsitzenden Lichtkunstexperten nicht etwa Michael Batz - wie man irrtümlich annehmen könnte - sondern “Dem deutschen Volke” mit ihrem Einsatz für die Kunst ein großartiges Geschenk gemacht, wie es in der Pressemitteilung des Deutschen Bundestags unter Abkupferung von Pressemitteilungen der Stiftung Lebendige Stadt und der Stiftung Zukunft Berlin so treffend heißt. Denn: die Illumination spart dem Steuerzahler Energie und reduziert den CO2-Ausstoß! Nur 7264 Watt sollen die 400 Leuchten verbrauchen, die da installiert werden sollen, das sind schlappe 180 Wohnzimmerlampen, und wenn man bedenkt, daß ja demnächst die augenfreundliche Glühlampe ganz aus den Wohnzimmern verbannt wird, dann kann man mit der so eingesparten Energie noch viel mehr Reichstage illuminieren.

Notwendig ist die Beleuchtung allemal, denn wie sollte der Bürger die beeindruckenden Erfolge der Bundesregierung beim Umweltschutz im Dunkeln erkennen können?

Und auch für die Kosten der “Installation” - ich nehme an, das ist das Künstlerhonorar - braucht der Steuerzahler nicht aufzukommen. Diese 720 000 Euro sponsert großzügig die Sparkassen-Finanzgruppe. Man achte auf das leuchtende Sparkassen-Emblem - demnächst am Deutschen Bundestag.

 
Disclaimer: Alle in diesem Artikel genannten Zahlen entstammen offiziellen Quellen und haben mit der Realität wahrscheinlich wenig zu tun.