Was ist die Quintessenz von Kean? Die Negierung alles dessen, was Zuschauer und Kritiker im Theater sehen wollen.
Hier deklamieren Schauspieler unendlich hölzern endlos lange Monologe. Endlos lange beschimpfen sie die Kritiker auf eine Weise, die deren schlimmste Vorwürfe wie Lob erscheinen läßt. Wenn es dramatisch wird, rennen sie unendlich lange laut schreiend herum auf der Pappe des Anti-Bühnenbilds und durch die Betten, während daneben Steve Binetti verbissen seine Anti-Musik klampft. Selbst die obligatorische Videoprojektion hat diesmal Home-Video-Qualität.
Knapp vier Stunden Anti-Theater. Das ist wie Bauerntheater. Schlimmer noch, bekifftes Schülertheater. Befriedigend noch nicht einmal als Trash. Frank Castorf, nein Kean (großartige schauspielerische Leistung von Alexander Scheer, schon allein in physischer Hinsicht - wo bist Du hier hingeraten, armer Micha von der Sonnenallee?), hurt in einer Krippe aus Stacheldraht, läßt sich eimerweise Kunstblut über den Kopf schütten und sich ans Kreuz schlagen. Ist es das, was Du willst, Frank?
Ja, das muß die Erklärung sein. Aus Angst, im bürgerlichen Konformismus zu erstarren wie fast alle Deiner Kollegen, führst Du das enfant terrible in Dir ins Extrem bei gleichzeitiger - wiederum gebrochener - Selbstbemitleidung. Allein, das wird nicht klappen. Denn auch indem man immer das Gegenteil von dem tut, was schicklich ist und erwartet wird, macht man sich zum Sklaven der Erwartungen.
Und Klaus Wowereit, der sich gerade in einem Anfall von Weihnachtsmilde zu Dir bekannt hat, wird Dich im Zweifelsfall bei weiter sinkenden Zuschauerzahlen nicht kreuzigen, sondern Dich ganz einfach und untheatralisch fallenlassen, weil er ohnehin lieber Abba - das Original sieht.
Und Theater über's Theater, das war doch schon immer ein Krampf.
Gibt es in dieser Inszenierung irgend etwas, was das Auge oder Ohr erfreut, und sei es auch nur ein winzig kleiner Lichteffekt? - Nein.
Habe ich diesen Theaterbesuch bereut? - Nein.