Neues vom Büchertisch

5. Januar 2009

Unter dem Titel "SALE" veröffentlichte der Verlag Peek & Cloppenburg heute eine weitere Ausgabe seiner beliebten Portraitreihe "Gesichter zum Reinschlagen". Die geschmackvoll angeordneten Begleittexte kreisen auch diesmal um das Thema Hemd und Krawatte, wobei wieder die meisterliche Verwendung des Stilmittels der Wiederholung auffällt. Durch gelegentliches Hinzufügen des Attributs "City-" wird das Thema geschickt variiert, ohne die Zielgruppe merklich zu überfordern. Schließlich stößt der Autor mit einer Formulierung wie "Troyer mit Zip in Rippen-Optik" unverhofft das Tor zu einer verborgenen Welt voller Geheimnisse auf. Gespannt erwarten wir die Fortsetzung der Reihe. Wird die Country-Krawatte zurückschlagen? (Lesenswert!)

Die leere Mitte

4. Januar 2009

Mag sein, daß die vielen Überblendungen ein wenig nerven. Mag sein, daß die Parallelen, die gezogen werden von der Zeit der alten Preußen über die Nazizeit und die DDR-Zeit bis zur Nachwendezeit dem einen oder anderen etwas "konstruiert" erscheinen. Mag sein, daß die Wiederholungen in Bild und Ton ein wenig ermüden. "Die leere Mitte" von Hito Steyerl ist dennoch ein Film, bei dem man sich gerne etwas wünscht.

Ich habe mir bei der Vorführung gewünscht, ich könnte Klaus Wowereit, Ingeborg Junge-Reyer und einige andere Politiker an einen Stuhl fesseln und sie zwingen, sich diesen Film anzusehen. Denn gesehen haben sie ihn ganz sicher nicht. Sonst würden sie nicht heute so agieren, wie sie es tun (es sei denn, sie sind wirklich extrem abgebrüht und dumm).

Eines der Hauptthemen von "Die leere Mitte" ist die Erkenntnis, daß da, wo Grenzen niedergerissen werden, unverzüglich neue entstehen. Der Film räumt also anhand der Geschichte der ehemals leeren Mitte Berlins um Potsdamer Platz und Reichstag u. a. mit dem albernen Propaganda-Märchen auf, das Niederreißen der Berliner Mauer habe die "Freiheit" gebracht. In Wirklichkeit hat es zu neuen Manifestationen der Macht geführt und damit zu neuer, nur anders gearteter Ausgrenzung.

Immer schon war die Architektur im Zentrum Berlins ein Spiegelbild der Machtverhältnisse. Heute regiert dort Daimler-Benz, der Konzern, der mit Rüstungsgütern in den Kriegen reich geworden ist. Ausländer berichten in eingestreuten Interviews von Angriffen und Überfällen durch Deutsche. Sie gehören - wie die Squatter, die vergeblich versuchen, einen Teil der "leere Mitte" für sich und die Allgemeinheit zu retten - zu den Ausgegrenzten der Nachwendezeit. Die Bauarbeiter des neuen Berlin demonstrieren 1997 gegen die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte beim Wiederaufbau des Reichstags. Allerdings richtet sich ihr Protest nicht gegen die Arbeitgeber, die Ausländer für einen Hungerlohn für sich arbeiten lassen, sondern gegen die ausländischen Kollegen, die für einen Hungerlohn arbeiten und dann die so verdienten "Millionen" "ins Ausland schaffen". Wie dumm kann man eigentlich sein?

Ganz zum Schluß gewinnt aber dann doch noch der Humor die Oberhand...

"Die leere Mitte" ist im Januar noch zweimal zu sehen, und zwar am 8. und 22. im Arsenal 2, also genau da, wo der Film vor über zehn Jahren gedreht wurde, jeweils um 17 Uhr.


Architektur der Stars - die "leere Mitte" heute

Zuversicht und Sonnenschein - die Neujahrsansprache des Glöckners

3. Januar 2009

Als die "Finanzkrise" über uns hereinbrach wie ein Erdbeben aus heiterem Himmel, haben Sie, liebe Frau Merkel, sich in unseren Fernseher gestellt und uns aufgefordert, Vertrauen zu üben. Recht hatten Sie, denn wer hätte Vertrauen verdient, wenn nicht eine Regierung, die ihre Wähler im Gegenzug auf Schritt und Tritt bespitzeln und überwachen läßt?

In Ihren Weihnachts- und Neujahrsansprachen haben Sie und Ihr Gesinnungsgenosse Köhler uns dann beschworen, mit Zuversicht in die Zukunft zu sehen. Und wieder hatten Sie recht. Voller Zuversicht habe ich deshalb gestern meinen Briefkasten und den darin befindlichen ersten Brief des neuen Jahres geöffnet, in dem mir mitgeteilt wurde, daß sich mein Krankenkassenbeitrag aufgrund Ihres Gesundheitsfonds um 30 Euro pro Monat erhöht.

Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, liebe Frau Merkel, denn das Geschenk, das Sie eigentlich verdient hätten - ein mehrjähriger Urlaub in einer Erdumlaufbahn Ihrer Wahl - das kann ich mir leider nicht mehr leisten.

K. beginnt das Jahr mit einer guten Tat

1. Januar 2009

K. hatte bis etwa vier Uhr gewartet, bevor er losging. Mit dem Vogelbauer unter dem Arm wollte er lieber nicht gesehen werden. Er ging das Paul-Lincke-Ufer entlang Richtung Görlitzer Ufer. In der Nähe der früheren Eisenbahnbrücke setzte er sich auf eine Bank.

Lausi und Mausi - so hatte er die beiden Vögel genannt, obwohl er wußte, daß sein Nachbar, dem sie eigentlich gehörten und der sie wohl in dieser lausigen Silvesternacht auf dem Balkon vergessen hatte, sie anders nannte - saßen eng aneinadergekuschelt auf ihrer Stange und schliefen. Von Ferne hörte man immer noch Böllerschüsse, und einmal war ein Trupp (oder eine Truppe?) vermutlich türkischer Jugendlicher vorbeigekommen und hatte mit Leuchtpistolen sinnlos um sich geballert.

Irgendwann mußte auch K. dann eingeschlafen sein, und als er wieder aufwachte, war es von der Kälte. In der Wagenburg gegenüber brannte irgendwo ein Licht, und irgendwo bellte ein Hund.

Lausi war der erste, der davonflog. Er hatte ungläubig zur Käfigtür, die K. geöffnet hatte, hinübergeblinzelt, dann Mausi mit dem Schnabel angestoßen und zur Tür gezeigt. K. blickte ihnen nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte.

K.s Museum

31. Dezember 2008

Eine Zigarettenkippe mit Lippenstift daran. Ein Stück Kreide. Aufbewahrt in Streichholzschachteln. Das zerrissene Foto eines unbekannten Mannes. Ein beschriebenes Stück Papier.

Du   G l ü c k l i c h e ,
Ich bin kein   F e l s ,
Vielleicht ein Meer,
    das an den Felsen braust und immer hofft,
    ihn doch noch zu erweichen.
Oder ein Baum,
    der immer wächst und hofft,
    den Himmel zu erreichen.
Du bist ein Wind,
der Tränen wegweht oder bringt,
Doch bist   D u   wirklich glücklich?

K. wußte noch, wann er das geschrieben hatte und warum.*) Aber er wußte auch, daß niemand es mehr verstehen würde - und daß es albern war. Heute würde er nicht mehr von sich selber schreiben.

*) Nach einem Tag, den er frierend und von Gischt und Regen durchnäßt an einer ziemlich weit nördlich gelegenen Küste verbracht hatte. (Anm. d. Hrsg.)

K.s Sternzeichen

30. Dezember 2008

"Die Schlange ist energisch, zielstrebig, wendig, klug und verständnisvoll. Eine Schlange bindet sich stark an die Familie, als Freund ist sie aufrichtig und ehrlich, finanziell ist sie meist gut abgesichert. Sie ist scharfsinnig und philosophisch, ihr Instinkt ist scharf ausgeprägt, - Schlangen sind die gründlichsten Denker des Tierkreises."

So hatte er es gehört am Jade-Teich von Moab-it.

Gut & günstig

29. Dezember 2008

"Olls, wos schee un guad is, des gibt's nach wie vor für nix," singt Georg Ringsgwandl. Zum Beispiel die *schnuppe. Sieben Hefte sind bisher erschienen, das neueste kurz vor Weihnachten.

Um die "wissenschaftlichen Grundlagen der politischen Philosophie" soll es in der neuen Ausgabe gehen. Vermutlich deshalb ist sie, anders als ihre Vorgänger_innen, überwiegend in schwarz/weiß gehalten. (Grau ist schließlich alle Theorie.)

So theoretisch geht es dann aber im Inneren gar nicht zu. Es gibt wieder Gedichte, poetische Reflexionen, Zitate und Aphorismen und natürlich Illustrationen und Fotos, die ungewöhnliche Blicke auf die (Berliner) Realität vermitteln. Viel Stoff zum Nachdenken also, auch wenn selbiges vielleicht nicht immer zum Erfolg führt, denn diese Schriften sind stark vom persönlichen Erleben und den Erfahrungen des Autors geprägt. Trotzdem wird sich sicherlich fast jeder in dem einen oder anderen Beitrag wiederfinden können.

da ich es so zu wissen glaube
wie ich es zu wissen glaube
kann ich nicht so leben
als glaubte ich nicht
es so zu wissen

"Selbstmahnung" ist dieses Gedicht überschrieben.

Die *schnuppe gibt es gratis an verschiedenen Ausgabestellen - oder direkt vom Erzeuger.

Anti

28. Dezember 2008

Was ist die Quintessenz von Kean? Die Negierung alles dessen, was Zuschauer und Kritiker im Theater sehen wollen.

Hier deklamieren Schauspieler unendlich hölzern endlos lange Monologe. Endlos lange beschimpfen sie die Kritiker auf eine Weise, die deren schlimmste Vorwürfe wie Lob erscheinen läßt. Wenn es dramatisch wird, rennen sie unendlich lange laut schreiend herum auf der Pappe des Anti-Bühnenbilds und durch die Betten, während daneben Steve Binetti verbissen seine Anti-Musik klampft. Selbst die obligatorische Videoprojektion hat diesmal Home-Video-Qualität.

Knapp vier Stunden Anti-Theater. Das ist wie Bauerntheater. Schlimmer noch, bekifftes Schülertheater. Befriedigend noch nicht einmal als Trash. Frank Castorf, nein Kean (großartige schauspielerische Leistung von Alexander Scheer, schon allein in physischer Hinsicht - wo bist Du hier hingeraten, armer Micha von der Sonnenallee?), hurt in einer Krippe aus Stacheldraht, läßt sich eimerweise Kunstblut über den Kopf schütten und sich ans Kreuz schlagen. Ist es das, was Du willst, Frank?

Ja, das muß die Erklärung sein. Aus Angst, im bürgerlichen Konformismus zu erstarren wie fast alle Deiner Kollegen, führst Du das enfant terrible in Dir ins Extrem bei gleichzeitiger - wiederum gebrochener - Selbstbemitleidung. Allein, das wird nicht klappen. Denn auch indem man immer das Gegenteil von dem tut, was schicklich ist und erwartet wird, macht man sich zum Sklaven der Erwartungen.

Und Klaus Wowereit, der sich gerade in einem Anfall von Weihnachtsmilde zu Dir bekannt hat, wird Dich im Zweifelsfall bei weiter sinkenden Zuschauerzahlen nicht kreuzigen, sondern Dich ganz einfach und untheatralisch fallenlassen, weil er ohnehin lieber Abba - das Original sieht.

Und Theater über's Theater, das war doch schon immer ein Krampf.

Gibt es in dieser Inszenierung irgend etwas, was das Auge oder Ohr erfreut, und sei es auch nur ein winzig kleiner Lichteffekt? - Nein.

Habe ich diesen Theaterbesuch bereut? - Nein.